Roland Fuhrmann, der als Geologe den damaligen Bernsteinabbau begleitete, hat im Internet Wissenswertes über den Bitterfelder Bernstein eingestellt:

Link: Bitterfelder Bernstein 


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Bernstein-Abenteuer Bitterfeld

Aus: Alles über Bernstein, von Carsten Gröhn



Mondlandschaft, Foto © M. Schipplick

 

Es gehörte zu den größten Erlebnissen, die ein begeisterter Bernsteinsammler erleben konnte:

Der Besuch der Braunkohlegruben bei Bitterfeld/Leipzig, in denen kaum Braunkohle gefördert wurde, dafür aber riesige Mengen Bernstein.

Zunächst ein Rückblick: Bereits im 17. Jh. wurde dieser Bernstein in einer Chursächsschen Chronicke erwähnt, 1756 gab es die erste Veröffentlichung über Sächsischen Bernstein. Die ersten Bernsteinfunde aus Bitterfeld selbst sind 1848 erwähnt.

Gegen Ende des 19. Jh. begann die wirtschaftliche Nutzung, doch in geringem Maße. Anfang der 80er Jahre begann der ehemalige VEB Braunkohle mit dem industriellen Abbau, immerhin 30 –50 Tonnen pro Jahr. Schmuckfähiger Bernstein wurde nach Ribnitz-Damgarten geschafft und dort verarbeitet. Das Verwunderlichste: Selbst die Anwohner, die direkt neben der Grube ihr Haus hatten, wussten nichts vom Bernstein, so geheim wurde der Abbau gehalten.

Nach der Grenzöffnung ruhte der Betrieb für kurze Zeit. Einige sehr risikobereite Sammler schleppten in dieser Zeit große Mengen Bernstein aus den Gruben, sogar aus den verwaisten Hallen der Waschanlage. Erst im Frühjahr 1992 nahm die Mitteldeutsche Braunkohle AG die Förderung mit einem neuen Verfahren wieder auf – Nassgewinnung mit Schwimmbagger.



Schwimmbagger „Gute Hoffnung“, Foto © St. Schellhorn

 

Die Förderrate blieb weit unter den Erwartungen, so dass schon im Frühjahr 1993 das endgültige AUS war. Die Zeit der großen Bernsteinförderung war abgelaufen und man beschloss, den Tagebau

zu rekultivieren und zu einem Naherholungszentrum mit vielen Seen umzugestalten. Die damals extra umgeleitete Mulde und das Grundwasser würden die Gruben schnell wieder fluten.

Meine persönlichen Eindrücke geben wohl am besten die Situation von damals wieder. Leider erfuhr ich erst 1994 von dieser Grube und wurde von befreundeten Sammlern mitgenommen. Da keine richtige Förderung mehr stattfand, sondern nur Abriss- und Aufräumarbeiten, dachte ich zunächst, dass das Betreten der Gruben und das Bernsteinsammeln erlaubt sei. Das konnte man auch gut denken, denn viele Gleichgesinnte tummelten sich dort, verhielten sich aber auffallend komisch. Die Sammler blickten ständig nicht nur zum Boden, sondern in verschiedene Richtungen horizontal, rannten auf einem Mal in eine Senke oder stürzten sich in eine Furche, als ob sie einen Riesenbernstein gesehen hätten und ihn als erster aufgreifen wollten – und schon war die Grube leer, kein Sammler mehr zu sehen. Den Grund dafür erfuhr ich dann am eigenen Leibe: Ein Jeep kam mit großer Staubwolke angebraust, zwei Sicherheitskräfte erklärten mir unmissverständlich, dass das Betreten der Gruben strengstens verboten sei und ich sie sofort verlassen müsse – von einer Anzeige werde beim ersten Mal noch abgesehen.

Erst später las ich in der LAPIS: Immer wieder versuchen Sammler aus Ost und West in das Tagebaugelände einzudringen. Die meisten erleben jedoch eine herbe Enttäuschung – die Kötter-Security, ein von der MIBRAG angeheuertes Sicherheitsunternehmen, bewacht das Gelände rund um die Uhr. Wer erwischt wird, zahlt Strafe und bekommt eine Anzeige.

Nun aber zu meinem ersten Besuch an einem sonnigen Frühjahrstag 1994. Ich stieg den steilen Grubenrand hinab in die schon aufgeheizte Grube (die kleinsten Sonnenstrahlen erwärmten die dunkle Erde und ließen die Luft im Sommer unerträglich heiß werden). Dann traute ich meinen Augen nicht: Überall lagen kleine Bernsteine verstreut herum. Zunächst sammelte ich wild alles ein und hatte schnell einen kg-Beutel voll. Dann erkannte ich, dass ich das den ganzen Tag nicht durchhalten würde: Bücken, aufsammeln, aufrichten, bücken, aufsammeln, aufrichten – schon nach wenigen Stunden schmerzte mein Kreuz und die Beine waren lahm. Also: Nur noch größere, feste Bernsteine ab Daumennagelgröße sammeln. Schon sehr erschöpft machte ich Mittagspause und deponierte (zum Glück!) ca. 6 kg Bernstein im Auto. Aber dann trieb es mich wieder in die Grube, wo dann nach weiteren 2 kg das Ende meines Ausflugs in Form des Sicherheitsdienstes kam.

Von ganz frechen Sammlern hörte ich tolle Tricks: Nach erstem Erwischen und Grubenverweis: Das

im Auto vorbereitete andere Hemd angezogen, die andere Jacke, eventuell eine Mütze und Brille - und auf der anderen Seite wieder rein in die Grube. Oder frühmorgens noch im Dunkeln in die Grube schleichen und sich nur weitab von den befahrbaren Wegen möglichst in Deckung aufhalten. Oder aus einem guten Versteck heraus den weisen Jeep abwarten und nach seinem Verschwinden schnell die gut einsehbaren Flächen ablaufen.

 



Gefährlich war es auch in der Grube: Es gab metertiefe Schluchten, Abbruchkanten, unergründliche

Schwemmsande, unterirdische Hohlräume (entstanden durch brennende Kohle, z.T. noch rauchend). Es soll so manchen Schwerverletzten und Toten gegeben haben ... Bernstein war fast überall in der Grube zu sammeln: Auf den riesigen Spülflächen, auf den Bergen, in den Schluchten. Aber auch Graben brachte eine gute Ausbeute, wenn man die nötige Kondition hatte. Meist war der Bernstein diffus im Boden verteilt, manchmal erwischte man aber auch eine richtige Ader, die dann einige kg

Ausbeute brachte.

Bernsteine ab 20 g gab es seltener zu finden, über 100-Grammer gehörten schon zu den Raritäten. Die beiden größten von Sammlern gefundenen Bernsteine waren meiner Kenntnis nach 455 und 470 g schwer, es soll aber auch einen 600-Grammer gegeben haben.



An der ehemaligen Waschanlage konnte man kleine Bernsteine in unglaublichen Mengen sammeln

und vor allem graben. Ich wurde durch dieses Bild von Herrn Reinecke, das in vielen Büchern zu sehen ist, auf diese Stelle aufmerksam. Von diesen Bergen kleiner Bernsteine musste etwas übrig geblieben sein, nachdem der Hang an der ehemaligen Waschanlage mit Erde aufgefüllt worden war! Also grub ich und grub ich und grub ich, bis ich fündig wurde. Zunächst ebnete ich alles wieder ein, um dann in einigen Nächten großflächig die Erde über der Bernsteinschicht abzutragen und säckeweise kleine Bernsteine zum Auto zu bringen. Vor Anbruch jeden Morgens verfüllte ich das große Loch wieder. Später wurde ich immer frecher und grub und siebte sogar am helllichten Tag.



Foto © R. Reinicke



Natürlich habe ich alle Gruben der Umgebung nach weiteren Bernsteinvorkommen abgesucht, ohne Ergebnis. Es ist und bleibt ein Rätsel, warum sich diese riesigen Bernsteinmengen so örtlich begrenzt auf wenigen Quadratkilometern angehäuft haben.

 

Anmerkung zum Bitterfelder Bernstein: Früher dachte man, es sei ein eigenständiger Miozäner Bernstein, ca. 20 Millionen Jahre alt. Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Fauna mit der des Baltischen Bernsteins (ca. 40 Millionen Jahre alt) fast identisch ist – sogar identische Arten sind gefunden worden.

Im Miozän herrschte ein wesentlich kälteres Klima als im subtropischen Klima vor 40 Millionen Jahren, identische Arten waren also nach so langer Zeit bei so verändertem Klima undenkbar. Das zeigt sich besonders bei den sehr empfindlich reagierenden Spinnenarten: Schon allein die Beschreibung der kleinen Spinne Mysmena groehni aus der Familie Anapidae (Zwergkugelspinnen)

sowohl im Bitterfelder als auch im Baltischen Bernstein reichte als Beweis schon aus, dass der Bitterfelder Bernstein ungefähr dasselbe Alter haben muss wie der Baltische Bernstein.

Ausführliche Beschreibungen dieser aufregenden Bitterfelder Bernsteinsammelzeit habe ich auf ca. 150 Seiten in meinem Buch »Bernstein – Abenteuer Bitterfeld« verewigt. In einer Rezension heißt es: ...Von diesen Bernstein-Abenteuern wird ausführlich berichtet,

dabei aber nicht die wissenschaftliche und kulturhistorische Seite vergessen. Berichte und Fotos von der Flutung der Gruben und der Rekultivierung schließen den Kreis. Leider ist es vergriffen und nur noch zu teuer über BoD zu beziehen.

Die Erinnerung bleibt an unvergessliche Stunden in einer wüsten, gefährlichen Grube, die eher an eine Mondlandschaft erinnerte, die andererseits aber auch idyllisch und schön sein konnte. Vor allem, wenn man sich völlig erschöpft nach nächte- und tagelanger Arbeit hinsetzte und sich einen Schluck Wasser gönnte und den Sonnenuntergang genoss.



Foto © M. Schipplick

 

Schön war es auch, weil man stets gleichgesinnte Bekannte und Freunde traf, mit denen man abends die Abenteuer des Tages bereden konnte Leider begann in der zweiten Hälfte der 90er Jahre die Rekultivierung, die steilen Hänge wurden abgeflacht und die bernsteinträchtigen Schichten verschüttet, die Pumpen abgestellt, so dass die Gruben langsam vollliefen – AUS DER TRAUM eines jeden Bernsteinsammlers.

 

Dann kam es sehr plötzlich: Die große Flut von 2002 ließ den Mulde-Fluss in die Gruben durchbrechen und innerhalb von 2 Tagen waren die Gruben randvoll geflutet. Nur Sandsäcke verhinderten das Überlaufen und die Überschwemmung von Bitterfeld.


Foto © St. Schellhorn

 

Die Rekultivierung ging schnell voran, die Marina wurde gebaut. Heute tummeln sich die Urlauber zu Tausenden auf der Promenade und die Wassersportler auf dem See.



Foto © St. Schellhorn

 

Ist es mit dem Bitterfelder Bernstein denn nun ganz vorbei? Ja, dachte man 15 Jahre lang, bis ein ganz verrückter Plan von einem ganz verrückten Visionär Wirklichkeit wurde. Die Bernsteinförderung mit Hilfe eines Saugbaggers mitten auf der Goitzsche. Erste Versuche begannen im Oktober 2014, ein zweiter Feldversuch im Frühjahr 2015. Die vielversprechenden Ergebnisse und der Beweis, dass eine umweltschonende Fördermöglichkeit bestand, ließen alle Zweifel beseitigen und Genehmigungen zur Förderung wurden erteilt. Eine große Zukunft für den Bitterfelder Bernstein steht bevor: Nicht nur die Bernsteinförderung, sondern auch Tourismus (die weltweit einzige Bernsteinförderung auf einem See kann live miterlebt werden) und Manufaktur sollen aufgebaut werden. Darüber wird sicher bald mehr berichtet …



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